
Der Schutz kritischer Infrastrukturen gewinnt angesichts neuer Bedrohungslagen, wachsender Komplexität und klimatischer Veränderungen zunehmend an Bedeutung. Insbesondere leitungsgebundene Netze stehen dabei im Fokus. Im Gespräch mit dem rbv äußert sich Prof. Dr.-Ing. habil. Norbert Gebbeken, exzellenter Emeritus der Universität der Bundeswehr München und Sprecher des Forschungszentrums RISK, zu bestehenden Schutzdefiziten, wichtigen Zielkonflikten und offenen Fragen im Umgang mit diesen Netzen.
Herr Professor Gebbeken, warum rückt der Schutz kritischer Infrastrukturen derzeit so stark in das Zentrum des öffentlichen Interesses?
Norbert Gebbeken: Das Thema ist zuletzt aus mehreren Entwicklungen heraus deutlich in den Fokus gerückt. Hierzu zählen die hybride Kriegsführung sowie Terrorismus mit konkreten Stör- und Sabotageereignissen im Inland – etwa zu Beginn des Jahres in Berlin (das Foto oben zeigt die Folgen des Brandanschlags auf eine Kabelbrücke in Lichterfelde, Anm. d. Red.) – ebenso wie durch die Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg, in dem kritische Infrastrukturen gezielt angegriffen werden.
Kann die aktuelle Fassung des KRITIS-Dachgesetzes dazu beitragen, leitungsgebundene Infrastrukturen besser abzusichern?
Norbert Gebbeken: Es ist der Versuch, erstmals einen übergreifenden rechtlichen Rahmen für den physischen Schutz kritischer Infrastrukturen auf der Basis eines All-Gefahren-Ansatzes zu schaffen und private Betreiber stärker in die Pflicht zu nehmen. Allerdings bleibt es in seiner konkreten Ausgestaltung unbestimmt. Das Gesetz formuliert lediglich Verfahren, definiert aber nicht, welche Gefährdungen im Detail zu berücksichtigen sind oder welche Schutzniveaus erreicht werden sollen. Aus ingenieurtechnischer Sicht entsteht dadurch ein erhebliches Defizit. Ohne klar definierte Gefährdungsannahmen und Schutzziele, die quantitativ festgelegt werden müssen, lassen sich weder technische Maßnahmen systematisch ableiten noch Kosten belastbar beziffern.
Wo sehen Sie die größten Verwundbarkeiten bei leitungsgebundenen Infrastrukturen?
Norbert Gebbeken: Im Grunde genommen überall. Leitungsinfrastrukturen durchziehen als unter- und oberirdische Netze das gesamte Land, von urbanen Räumen bis in ländliche Regionen. Dabei sind sie in vielen Bereichen nur gering geschützt und häufig vergleichsweise leicht zugänglich. Gerade diese flächendeckende Verteilung macht sie verwundbar. Denn entlang der Trassen gibt es zahlreiche potenzielle Angriffspunkte, an denen mit einfachen Mitteln Schäden verursacht werden können. Das betrifft gleichermaßen Ver- wie Entsorgungsinfrastrukturen.
Aber können nicht Redundanzen dazu beitragen, die Resilienz dieser Netze zu erhöhen? Warum greifen diese Konzepte teilweise so schlecht?
Norbert Gebbeken: Redundanzen sind in der Praxis nicht durchgängig umgesetzt und zudem mit erheblichen Kosten verbunden. Betreiber wägen immer wieder ab, in welchem Umfang sie investieren, und orientieren sich dabei häufig an der Absicherung wirtschaftlicher Risiken. Gleichzeitig ist ungeklärt, wer die Kosten für zusätzliche Resilienzmaßnahmen trägt. Ohne entsprechende Regelungen oder Refinanzierungsmöglichkeiten besteht wenig Anreiz, über das notwendige Maß hinaus zu investieren.
Ein häufig diskutierter Punkt ist der Zielkonflikt zwischen Transparenz – also wo befinden sich die Leitungen tatsächlich – und Sicherheit.
Norbert Gebbeken: Dieser Zielkonflikt besteht deutlich. Einerseits ist für Planung und Bau ein gewisses Maß an Informationen über bestehende Infrastrukturen erforderlich, damit Bauunternehmen im Zuge von Bautätigkeiten keine Schäden an Bestandsinfrastrukturen verursachen. Andererseits erhöht genau diese Transparenz auch die Verwundbarkeit sicherheitsrelevanter Netze. Vor diesem Hintergrund spricht vieles dafür, sensible Infrastrukturinformationen nicht frei zugänglich zu machen, sondern den Zugang gezielt zu steuern und zu kontrollieren.
Welche Rolle spielen die Folgen des Klimawandels in der aktuellen Diskussion?
Norbert Gebbeken: Dies ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Diese Risiken werden immer wichtiger, insbesondere im Bereich der Naturgefahren. Dabei geht es nicht nur um einzelne Extremereignisse, sondern um strukturelle Veränderungen im Zuge des Klimawandels. Ein großes Thema ist die zunehmende Hitzebelastung in urbanen Räumen. Diese wird häufig unterschätzt, obwohl sie bereits heute zu erheblichen gesundheitlichen Folgen führt. Hier stellt sich also die Frage, wie Infrastrukturen künftig dazu beitragen können, mit diesen Belastungen umzugehen – etwa durch angepasste Wassersysteme oder neue Formen der Kühlung.
Zugleich nehmen Starkregenereignisse und Sturzfluten zu. Hier zeigt sich, dass bestehende Entwässerungs- und Leitungssysteme für solche Belastungen vielfach nicht ausgelegt sind. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, ergänzende Ansätze zu entwickeln, zum Beispiel ein stärker dezentrales Regenwassermanagement.
Insgesamt wird deutlich, dass klimabedingte Risiken neue Anforderungen an Planung und Ausgestaltung von Infrastrukturen stellen und bestehende Systeme an ihre Grenzen bringen. Auch hier herrscht also Handlungsbedarf.
Welche Bedeutung kommt der gesellschaftlichen Akzeptanz bei der Umsetzung von Schutzmaßnahmen zu?
Norbert Gebbeken: Sie spielt eine wesentliche Rolle, weil Sicherheitsmaßnahmen oftmals mit Zielkonflikten verbunden sind. Maßnahmen zum Schutz kritischer Infrastrukturen greifen häufig sichtbar in den öffentlichen Raum ein. Dies sind auch Gründe dafür, dass solche Maßnahmen gesellschaftlich nicht immer ohne Weiteres akzeptiert werden. Beispiele sind etwa bauliche Schutzsysteme im urbanen Raum, die als Eingriff in das Stadtbild wahrgenommen werden.
Hinzu kommt die Kostenfrage: Investitionen in Sicherheit stehen immer in Konkurrenz zu anderen öffentlichen Ausgaben, etwa im sozialen Bereich. In der Praxis führt das dazu, dass Sicherheitsmaßnahmen nicht isoliert betrachtet werden können, sondern im Gesamtzusammenhang begrenzter Ressourcen bewertet werden müssen. Im besten Fall sind sie also multifunktional. Es gibt somit kein feststehendes Maß an Sicherheit. Vielmehr ist immer wieder neu auszuhandeln, welches Risiko eine Gesellschaft zu akzeptieren bereit ist und welchen Aufwand sie für zusätzlichen Schutz tragen will.
Wie bewerten Sie die Rolle von Politik und Prävention in diesem Zusammenhang?
Norbert Gebbeken: Hier blicken wir nach meiner Einschätzung auf ein grundlegendes Dilemma, das häufig als Präventionsparadox beschrieben wird. Werden Risiken frühzeitig benannt und Maßnahmen eingefordert, wird dies oft als Verunsicherung der Bevölkerung oder als Verursachung unnötiger Kosten wahrgenommen. Treten entsprechende Ereignisse später tatsächlich ein, wird im Nachhinein gefragt, warum nicht deutlicher gewarnt oder mehr Vorsorge getroffen wurde. Diese Dynamik erschwert es erheblich, präventive Maßnahmen frühzeitig durchzusetzen und langfristig zu verankern. Wir benötigen eigentlich immer erst einen Katastrophenfall, der die Bevölkerung betroffen macht.
Welche Konsequenzen ergeben sich aus all diesen Punkten insgesamt für den Leitungsbau?
Norbert Gebbeken: Wir stehen vor der Situation, dass einige der wichtigsten Fragen noch nicht hinreichend geklärt sind. Solange nicht klar definiert ist, vor welchen Gefährdungen geschützt werden soll und welche Anforderungen gelten, fehlt eine verlässliche Grundlage für Planung und Bauausführung. Entsprechend bleibt auch offen, welche Maßnahmen erforderlich sind, welche Bautätigkeiten daraus folgen und welche Kapazitäten in den kommenden Jahren benötigt werden. Zugleich zeigt sich, dass die möglichen Investitionsbedarfe – je nach zugrunde gelegtem Szenario – sehr hohe Größenordnungen erreichen können, die aus heutiger Sicht kaum abschätzbar und nur schwer zu bewältigen sind. Für den Leitungsbau bedeutet das: Er ist potenziell stark betroffen, agiert aber derzeit in einem Rahmen, der noch nicht ausreichend definiert ist.
Herr Professor Gebbeken, herzlichen Dank für Ihre Gedanken zu diesem Thema.
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