Wasserinfrastruktur unter Anpassungsdruck

Eine sichere Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung sind unverzichtbare Grundlagen unseres täglichen Lebens. Sie funktionieren jedoch nur mit leistungsfähigen und dauerhaft intakten Leitungsnetzen. Diese Infrastruktur steht vor wachsenden Herausforderungen. Einerseits erreichen viele Netze ein hohes Alter, andererseits verändern sich die Anforderungen an Kapazität und Leistungsfähigkeit. Der verfügbare Raum im Untergrund ist begrenzt und durch bestehende Leitungen bereits stark genutzt.

Der Bau und die Erneuerung von Leitungen sind aufwendig und gehen häufig mit Belastungen für Menschen, Umwelt und Verkehr einher. Dennoch bleibt eine kontinuierliche Modernisierung unverzichtbar, um die Versorgung dauerhaft sicherzustellen. Neben der Erneuerung bestehender Netze gewinnt auch der Umgang mit stillgelegten oder nicht mehr benötigten Leitungen zunehmend an Bedeutung. Diese beanspruchen wertvollen Bauraum und stellen zusätzliche Anforderungen an Planung und Umsetzung.


„Die Anforderungen an Trinkwasser- und Abwassernetze steigen durch Klimawandel, alternde Infrastruktur und zunehmende Nutzungskonflikte im Untergrund spürbar. Investitionen müssen sich konsequent daran ausrichten.“
Name, Funktion

Die wesentlichen Handlungsfelder:

  1. Stabilisierung und Sicherung des Wasserangebots
    Regionale Wasserknappheit, konkurrierende Nutzungsansprüche sowie veränderte Muster der Grundwasserneubildung erhöhen den Druck auf die bestehenden Versorgungsstrukturen. Entsprechend rücken technische Maßnahmen zur Stabilisierung der Netze stärker in den Fokus. Dazu zählen die systematische Reduktion physischer Wasserverluste durch Leckageortung und Netzüberwachung, die Sicherstellung optimaler Druckverhältnisse und die Optimierung von Betriebsstrategien sowie die strukturelle Erneuerung alter Leitungsabschnitte. Neben der ohnehin erforderlichen strukturellen Erneuerung alter Leitungsabschnitte rücken weitere technische Maßnahmen in den Fokus: die Vermeidung von Stagnation und die Anpassung der Verlegetiefen an die Bodentemperaturen. Zudem gewinnen redundante Netzanbindungen an Bedeutung, um die Versorgungssicherheit dauerhaft zu gewährleisten.

  2. Klimawandel erhöht die Anforderungen
    Der Klimawandel stellt die Wasserwirtschaft vor neue Herausforderungen. Längere Trockenperioden gefährden die Wasserverfügbarkeit, während Starkregenereignisse die Belastung von Kanalnetzen und Entwässerungssystemen erhöhen. Damit steigen die Anforderungen an Leistungsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit der Infrastruktur. Neben der Weiterentwicklung bestehender Systeme gewinnen auch überregionale Wassertransportleitungen an Bedeutung, um regionale Unterschiede auszugleichen. In der Abwasserinfrastruktur müssen Kanalnetze sowohl größere Wassermengen sicher ableiten als auch in Trockenzeiten ausreichende Fließgeschwindigkeiten gewährleisten, um Ablagerungen, Gerüche sowie Rückstau und Überflutungen zu vermeiden. Ergänzend sind Maßnahmen wie die Trennung von Regen- und Schmutzwasser sowie der Bau von Stauraumkanälen erforderlich.

  3. Risikomanagement und Schutz kritischer Infrastruktur
    Trinkwassernetze zählen zur kritischen Infrastruktur und stellen hohe Anforderungen an die Sicherheit und die Betriebsstabilität. Voraussetzung, um die Versorgung auch bei Störungen oder Ausfällen zuverlässig aufrechtzuerhalten, ist der Schutz von Anlagen und Netzen sowie belastbare Notfall- und Redundanzkonzepte. Risikomanagement ist dabei vor allem eine technische Aufgabe. Es beginnt bereits bei der Planung, setzt sich in der baulichen Umsetzung fort und prägt den sicheren Betrieb der Netze. Damit wird es zu einem integralen Bestandteil einer resilienten Trinkwasserinfrastruktur.

  4. Hygiene in der Trinkwasserversorgung
    Die Einhaltung höchster Hygienestandards ist ein grundlegendes Qualitätsprinzip der Trinkwasserversorgung. Den verbindlichen Orientierungsrahmen hierfür bilden technische Regelwerke. So definiert das DVGW-Arbeitsblatt W 400-2 wesentliche Anforderungen für den Bau, die Prüfung und die Inbetriebnahme von Trinkwasserleitungen. Der rbv hat das Thema „Hygiene“ unter anderem mit einem Infopoint aufgegriffen, der die Anforderungen relevanter DVGW-Regelwerke – darunter W 263, W 291 und W 400-2 – praxisnah zusammenfasst.

  5. Weiterentwicklung und Straffung des technischen Regelwerks
    Das technische Regelwerk bildet die Grundlage für die Planung, den Bau und den Betrieb leitungsgebundener Infrastrukturen. Mit dessen zunehmender Ausdifferenzierung wächst jedoch auch der Bedarf nach größerer Übersichtlichkeit und Praxistauglichkeit. In der Branche wird daher eine stärkere Straffung und Systematisierung der Regelwerkslandschaft diskutiert.
    Im Mittelpunkt stehen dabei Ansätze zur Entbürokratisierung. Hierzu zählen die Rücknahme nicht mehr benötigter Regelwerke, die Zusammenführung thematisch verwandter Dokumente und die Vermeidung inhaltlicher Dopplungen. Ziel ist es, das DVGW-Regelwerk stärker auf das technisch Wesentliche zu fokussieren und die Anwendung zu erleichtern. Der rbv begleitet diesen Prozess in den zuständigen Gremien.

  6. Europäische Normung – EN 805
    Mit der Veröffentlichung der überarbeiteten EN 805 werden die technischen Anforderungen an die Planung, den Bau, die Druckprüfung und die Inbetriebnahme von Wasserversorgungsleitungen in ganz Europa neu gefasst. Damit definiert die Norm einen harmonisierten Rahmen für die Ausführung und Qualitätssicherung beim Bau dieser Netze. Der rbv ist in den entsprechenden Normungsgremien vertreten.
  7. Grabenlose Bauweisen voranbringen
    Grabenlose Bauweisen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Sie stellen nicht nur eine bautechnische Alternative zum offenen Leitungsbau dar, sondern sind auch Teil einer wirtschaftlichen und ökologisch sinnvollen Infrastrukturstrategie. Reduzierte Oberflächeneingriffe, geringere verkehrliche Beeinträchtigungen und verkürzte Bauzeiten machen sie insbesondere im urbanen Raum zu einer wichtigen Option für den Bau und die Erneuerung von Netzinfrastrukturen. Aber auch im ländlichen Raum bieten grabenlose Bauweisen Vorteile. Dazu zählt beispielsweise die Unterquerung von Hindernissen, FFH-Gebieten oder landwirtschaftlichen Nutzflächen. Somit lassen sich Trassenlängen und -lagen nochmals deutlich optimieren. Der DVGW hat den rbv mit der Erarbeitung und Aktualisierung entsprechender Regelwerksentwürfe beauftragt.

Unsere Positionen:

  • Trinkwasser- und Abwassernetze sind als Teil der kritischen Infrastruktur eine unverzichtbare Grundlage der öffentlichen Daseinsvorsorge und müssen entsprechend geschützt und resilient ausgestaltet werden.
  • Der Zustand der Netze bestimmt Versorgungssicherheit, Gesundheitsschutz und wirtschaftliche Stabilität. Kontinuierliche Investitionen in Erhalt, Erneuerung und Modernisierung sind dafür Voraussetzung.
  • Klimaanpassung erfordert leistungsfähige Netze, die sowohl Starkregen als auch Trockenperioden bewältigen können. Der Ausbau von Verbundsystemen und überregionalen Transportleitungen gewinnt dabei an Bedeutung.
  • Der begrenzte Bauraum im Untergrund erfordert vorausschauende Planung und eine stärkere Koordinierung von Infrastrukturmaßnahmen.
  • Rund 500.000 km Trinkwasserleitungen in Deutschland

  • Erheblicher Anteil älter als 40 Jahre

  • Länge öffentliche Kanalisation: 620.000 Kilometer

  • Milliardeninvestitionen pro Jahr in Erneuerung und Instandhaltung

Downloads:

Branchenbild Wasser
Infopoint Hygiene
Informationen zu grabenlosen Bauverfahren